Gesundheitswesen
Ethik im Gesundheitswesen
Ist eine Verbesserung der ethischen Standards im Gesundheitswesen möglich?
Im Zuge der Gesundheitsreformen musste die Ethik im Gesundheitswesen den Grundzügen der Wirtschaftlichkeit weichen.
Heilung nach Schema F und Pflege im Minutentakt haben die ethischen Grundsätze in großen Teilen abgelöst und darunter leiden nicht nur die Patienten, sondern auch Pflegekräfte und Ärzte.
Auf individuelle Heilungsverläufe und Gesundungsprozesse kann nicht mehr eingegangen werden, denn ein Rahmen von Durchschnittswerten gibt heute die Zeit vor, die zur Heilung anberaumt wird.
Die Zeit am Patientenbett ist heutzutage nur noch ein wirtschaftlicher Faktor, bei dem völlig außer acht gelassen wird, inwieweit ein Gespräch und ein paar tröstende Worte die Heilung positiv beeinflussen können.
Gestresstes Pflegepersonal hat kaum noch Zeit für die wichtigsten Pflegeabläufe, die ja immerhin im Laufe der Zeit in immer mehr Standards festgelegt worden sind.
Patienten die nicht in der Lage sind sich selbst zu pflegen sind oft auf die Hilfe von Angehörigen oder sogar Bettnachbarn angewiesen.
Dekubiti und schlechte Wundheilungsverläufe, die vor einigen Jahren eher die Ausnahme bildeten, sind heute schon fast der Regelfall nach Krankenhausentlassungen.
Dem folgen oft langwierige ambulante Nachbehandlungszeiten, die jegliche Einsparungen wieder zunichte machen.
Und selbst dann wird noch an der Wundversorgung gespart, obwohl die Heilungszeiten mit hochwertigem Verbandsmaterial nachweislich in den allermeisten Fällen wesentlich kürzer sind.
Ärzte haben kaum noch genug Zeit für ausführliche Anamnesen und liegen von daher nicht selten falsch mit ihren Schnelldiagnosen, was für eine nicht geringe Zahl von Patienten oft eine langwierige Odyssee von Praxis zu Praxis zur Folge hat.
Zunehmende Verunsicherung des Patienten, lange Krankenstände und viele unnötige Behandlungen und Rezeptierungen führen die angebliche Einsparung am Ende wieder ad absurdum.
Die verschiedenen Standards in den Bereichen des Gesundheitswesens könnten sicher zu einer Verbesserung der Situation beitragen, wenn das Personal die Zeit und die Kraftreserven hätte sie auch umzusetzen.
Aber statt dessen ist gerade beim Pflegepersonal in den letzten Jahren der Zeitaufwand für Verwaltungsarbeiten und Dokumentation enorm gestiegen.
Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Patienten fallen dabei der Mischkalkulation zum Opfer, eine Rechnung die aber am Ende bei den knapp bemessenen Zeiten trotzdem nicht aufgehen kann.
Viele Patienten und ebenso das Personal im Gesundheitswesen haben inzwischen den Eindruck dass die allermeisten Entscheidungen im Zuge der Gesundheitsreformen von Pragmatikern die keine Berührungspunkte mit der Materie haben am Schreibtisch getroffen wurden.
Eine Verbesserung der ethischen Standards im Gesundheitswesen ist sicherlich möglich, wenn sich die Praktiker und die theoretischen Entscheidungsträger zusammen an einen Tisch setzen würden und sich die Erfahrungswerte der letzten Jahre gemeinsam anschauen und noch einmal überdenken würden.



